Montag, 14. September 2015

[Rezension] Die Frau mit dem roten Schal von Michel Bussi

Vor zwei Wochen ging mein Abenteuer Jakobsweg in die dritte Runde. Meine Mutter und ich starteten unsere gemeinsame Pilgerreise in Irún im Baskenland. Die erste Woche wurden wir außerdem von Michel Bussis Roman "Die Frau mit dem roten Schal", erschienen bei Rütten & Loening, begleitet. Nach unglaublich anstrengenden Tagesetappen konnte ich in einer der Herbergen oder am Strand mit meinem Buch entspannen. Nach dem Auslesen habe ich das Buch in einer der Herbergen nahe Bilbao gelassen, so dass sich ein neuer Pilger über eine tolle Lektüre freuen kann.


INFOS ZUM BUCH
Originaltitel: N'oublier jamais 
Deutscher Titel: Die Frau mit dem roten Schal
Autor: Michel Bussi
Genre: Kriminalroman / Thriller
Taschenbuch: 368 Seiten
ISBN: 978-3-352-00676-0
Listenpreis: 14,99 €
Verlag:
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INHALT
Jamal Salaoui ist sportlich und ehrgeizig. Seinen Urlaub verbringt er in Yport. Aber anders als die meisten Touristen ist er nicht dort, um die Landschaft zu genießen; er nutzt die steilen Kreidefelsen zum Trainieren. Er möchte am Ultramarathon auf dem Mont Blanc teilnehmen, der zu den anspruchsvollsten Bergmarathons weltweit zählt. Als wäre dies nicht bereits Herausforderung genug, muss Jamal diese Strecke mit einer Beinprothese hinter sich bringen. Doch dieses Handicap schreckt ihn keines Wegs ab und gerade aus diesem Grund trainiert er umso härter. Bei einer seiner Trainingseinheiten vor Sonnenaufgang macht er eine erschreckende Entdeckung. Er trifft eine Frau, die sich verzweifelt in den Tod stürzen möchte. Doch bevor sie sich die Klippen hinunter stürzt, versucht Jamal sie mit einem Schal zu retten. Ein roter Schal, den er kurz zuvor gefunden hat. Seine Bemühung ist jedoch vergebens und so kann er unten angekommen nur noch den Tod des Mädchens feststellen. Überraschenderweise hat sie jedoch den roten Schal um ihren Hals gebunden. Als die Polizei eintrifft geht sie direkt von Mord aus und Jamal ist der einzige Zeuge, der gesehen haben will, dass sich die schöne Frau aus freien Stücken in den Tod stürzte. Bis zum Schluss muss er jedoch nicht nur die Polizei, sondern auch sich selbst von seiner Geschichte überzeugen.

"Jamal erstarrte in seiner Bewegung und wagte nicht einmal mehr zu atmen. Nur seine Augen schnellten hin und her, zwischen der verzweifelten jungen Frau und dem Horizont, der sich allmählich orange färbte." ~ S. 18

MEINUNG
Das Cover hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Der verzweifelte Blick der Frau ist einfach unglaublich fesselnd und direkt zu Beginn des Buches merkt man wie gut gewählt das Model ist, denn es sieht Jamals Beschreibungen verblüffend ähnlich. So bekommt das Opfer direkt ein Gesicht und die Geschichte ist greifbarer. Inhaltlich war der Roman mindestens genauso fesselnd und es versteckt sich eine Menge Spannung und Raffinesse zwischen den Seiten. Jamal war mir sofort sympathisch und ich war häufig mit ihm am Rande der Verzweiflung. Konnte er doch der Täter sein oder ist er lediglich das Opfer einer Intrige? Bis zum Schluss war die Grenze zwischen Schein und Realität verschwommen und selbst auf den letzten Seiten hatte der Roman noch erstaunliche Überraschungen parat. Sobald ich der Meinung war der Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein, bekam die Geschichte eine ganz neue Wendung und ich musste meine Vermutungen wieder verwerfen. Mit jeder Seite wurde nicht nur Jamals Verwirrung größer, sondern auch meine. 
Alle Charakter, egal wie klein die Rolle, hatten etwas Besonderes. Ich hatte nicht ständig das Gefühl, dass ich ähnliche Charaktere bereits aus anderen Büchern kenne. Neben Jamal hat mich besonders Mona in ihren Bann gezogen, denn sie hatte direkt zu Beginn etwas Geheimnisvolles an sich. Zunächst ist man überrascht wie schnell Jamal Vertrauen zu ihr aufbauen konnte und sie als einzige Verbündete ansieht, aber nach wenigen Szenen hatte sie auch mich auf ihrer Seite. Eine etwas kleinere Rolle hatte Ophélie. Dennoch war sie für mich umso faszinierender und am Ende spielt gerade sie eine bedeutende Rolle. Ihre Beziehung zu Jamal ist umstritten, aber als Leser merkt man sofort, dass Jamal dem jungen Mädchen eine tolle Stütze ist.

"Jamal hatte sofort bemerkt wie schön sie war. [...] Ein Sakrileg, eine unentschuldbare Verletzung der Schönheit." ~ S. 16  

Sprachlich konnte mich "Die Frau mit dem roten Schal" leider weniger überzeugen, denn der Stil ist sehr simpel gehalten und einfach nicht meins. Zwar half der Schreibstil an einigen Stellen der Geschichte etwas Mysteriöses zu verleihen. Dennoch haben mir zwischendurch einfach eine intensivere Wortwahl und längere Sätze gefehlt. Jamal erzählt die Vorkommnisse in einer Art Tagebuch; jedoch wird dieses durch weitere Perspektiven wie Polizeiberichte oder Tagebucheinträge weiterer Charaktere unterbrochen. Für mich passten besonders die Polizeiberichte nicht ins Bild, da diese ähnlich wie die Tagebucheinträge aufgebaut waren und vermutlich eher von Jamal frei nacherzählt wurden und keine tatsächlichen Polizeiberichte waren. Auf den typischen Beamtenjargon wurde somit gänzlich verzichtet, was für den ein oder anderen Leser sicherlich hilfreich ist. Aber auch wenn der Autor hier seine literarische Freiheit für mein persönliches Empfinden zu sehr ausgedehnt hat, waren die einzelnen Perspektiven für mich dennoch eine sehr gute Ergänzung. Durch die Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit wurde das Puzzle noch größer und die Wahrheit rückte immer weiter in die Ferne. Ich musste immer wieder neue Theorien aufbauen, die mich in keinem Fall angemessen auf das Ende vorbereitet haben.
FAZIT 
Mir hat das Buch unglaublich gut gefallen und es war ein absoluter Pageturner. Sprachlich konnte mich der Roman zwar nicht überzeugen, aber dafür war der Inhalt einfach umso besser. Ein geniales Verwirrspiel, dem nicht nur der Protagonist Jamal erlag. Wer auf Geschichten mit überraschenden Wendungen steht ist hier genau richtig, denn "Die Frau mit dem roten Schal" ist alles andere als gewöhnlich.

"Das Schlimmste lag hinter mir, das Beste lag noch vor mir." ~ S. 327

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