Donnerstag, 21. Mai 2015

[Rezension] Der Architekt des Sultans von Elif Shafak

An 'Der Architekt des Sultans' von Elif Shafak sitze ich nun schon eine ganze Weile, aber irgendwie kam ich nicht weiter. Die Idee des Buches ist wirklich klasse und dennoch fiel es mir einfach schwer den Antrieb zu finden weiterzulesen. Entweder ein anderes Buch wollte noch gelesen werden oder die neue Folge einer meiner Serien musste noch dringend geschaut werden. Irgendetwas ist mir einfach immer dazwischen gekommen. Doch letztendlich habe ich es dann doch geschafft und gemeinsam mit Jahan den Bau der großen Bauwerke Istanbuls miterlebt.
  
INFOS ZUM BUCH
Originaltitel: The Architect's Apprentice
Deutscher Titel: Der Architekt des Sultans
Autor: Elif Shafak
Genre: Historischer Roman / Bildungsroman
Hardcover: 656 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5715-9
Listenpreis: 24,90 €
Verlag:
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INHALT
Die Geschichte beginnt mit Jahan, der als alter Greis in Indien sein Leben Revue passieren lässt. Er verrät, dass er in Istanbul ein Geheimnis vergraben hat, dass den Mittelpunkt des Universums enthält. Doch bevor dieses Geheimnis vom Leser entdeckt und entschlüsselt werden kann, lernt man Jahan und sein Leben besser kennen.

"Die Zeit wurde zu einer Wendeltreppe, die ins Nichts führte. Mit der Einsamkeit kam er zurecht, mit dem Verlassensein nicht." ~ S. 306

Als 12-jähriger Junge kam Jahan mit dem Schiff gemeinsam mit seinem besten Freund, den weißen Elefanten Chota, in Istanbul an. Die Stadt zog ihn sofort in seinen Bann und so wuchs er als Mahut für den Elefanten im Serail des Sultans auf. Gemeinsam mit Chota erkundet er die Stadt und erlebt viele Abenteuer. Die beiden führen Kunststücke auf, unterhalten Besucher (ganz besonders Prinzessin Mirimah), werden von Zigeunern gerettet, ziehen in den Krieg, bauen und Brücken und werden letztendlich Schüler des Hofarchitekten Sinan.

"Während draußen auf dem Meer Inseln erobert und Flotten versenkt wurden, Moslems Christen und Christen Moslems töteten, arbeiteten in Sinans kokonartiger Welt alle Seite an Seite." ~ S. 425

Viele Handlungsstränge laufen parallel ab, da Jahan zwar nun ein Schüler Sinans ist, aber dennoch viele weitere Rollen hat. Unter anderem seine ursprüngliche Aufgabe als Mahut für Chota, die ihm viel Freude bereitet. Insgesamt erlebt Jahan drei verschiedene Herrscher; er kommt an als Süleyman Sultan ist, erlebt wie sein Sohn Selim in ablöst und geht als sein Enkel Murad an der Macht ist. Während all dieser Zeit baut er gemeinsam mit seinen Kameraden und Sinan viele Bauwerke, die das Stadtbild Istanbuls auch heute noch prägen.

"Wenn du etwas aus ganzer Seele tust, spürst du einen Fluss in dir, eine Freude." ~ S. 149 
 
MEINUNG
Die Geschichte beginnt zwar nicht mit 'Es war einmal...', dennoch hatte man oftmals das Gefühl in ein Märchen einzutauchen, da Jahan in einer ganz anderen, längst vergessenen Welt aufwächst. Es ist eine Geschichte voller Abenteuer, Intrige, Romantik, Legenden und Lügen. Der Leser muss viel zwischen den Zeilen lesen, denn es wird nicht immer alles durch die Autorin vorgekaut und es werden lediglich Andeutungen gemacht. Manchmal Enden Kapitel abrupt und es wirkt als würde ein kleiner Satz fehlen, der den Abschluss bringt. Aber genau das gefällt mir, denn so hat jeder Leser doch irgendwie eine ganz andere Geschichte gelesen. Jeder kann seine eigenen Schlüsse zum Verlauf einiger Nebenstränge ziehen und hat so einen ganz individuellen Leseeindruck.

"'Schade, dass deine Geschichte zu Ende ist', sagte Mirimah seufzend. 'Ich hätte dir noch tausend Tage zuhören können.'" ~ S. 100

Das einzige Knackpunkt war für mich das Ende, denn dieses wurde sehr schnell abgehandelt und wirkte nicht ganz ausgereift. Ich hatte zeitweise das Gefühl, dass die Autorin nicht mit vollem Einsatz an den letzten Seiten gearbeitet hat und ihr persönliches Ende sei bereits einige Seiten zuvor gewesen. Manche Szenen waren einfach unnötig, aber andere haben ungeklärte Handlungsstränge zusammenlaufen lassen. Auch das hohe Alter Jahans kam für mich überraschend, da er für mich kaum gealtert ist im Buch. Es wurde immer Mal wieder erwähnt, dass er nun 30 oder 50 Jahre alt sei, aber für mich war er immer noch der kleine Junge, der mit 12 Jahren in Istanbul ankam. Diese unbeschwerte Leichtigkeit trotz der vielen Schicksalsschläge passte irgendwie nicht zusammen, aber vielleicht war genau dies beabsichtigt.

"Die Bauwerke würden überdauern, während ihm der eigene Verfall mit jedem Tag schwerer auf der Seele lag." ~ S. 263

Doch trotz der weniger zufriedenstellenden letzten Seite konnte das Buch überzeugen. Besonders Chota war ein wundervolles Hauptcharakter. Die Szenen mit dem Elefanten hatten etwas unterhaltsames, die den historischen Teil des Buches auflockerten. Auch die Zigeuner gehörten zu meinen Highlights. Balaban war immer plötzlich zur Stelle, um Jahan aus der Patsche zu helfen. Dies hat er auch mit Freude getan, denn Balaban hat den Mahut ins Herz geschlossen und ihn als Teil seiner Familie angesehen. Jahan musste oft gerettetet werden, da er das Unglück magisch anzuziehen scheint. Aber seine Unbekümmertheit macht ihn irgendwie auch liebenswert. Seine Art machte nicht nur die Zigeuner zu seinen Freunden, sondern viele weitere. Unter anderem eben auch Sinan, der Hofarchitekt, der Jahan zu seinem Schüler machte. Er war wie eine Vaterfigur für Jahan, denn Sinan erkannte, dass Jahan gebrochen war und jemanden braucht, der sich um ihn kümmert und in die richtige Richtung lenkt.


Gut gefallen hat mir auch das Glossar am Ende. Viele Begriffe wurden nicht übersetzt und verliehen dem Buch einen gewissen Charme, so dass man sich mehr auf die Geschichte einlassen konnte und zwischendurch wirklich durch die Straßen Istanbuls lief. Auch wenn nicht alle fremdsprachigen Begriffe im Glossar aufgegriffen wurde, war es eine tolle Hilfestellung.

FAZIT
Ein wundervolles Buch, welches Fakten stilsicher in eine interessant gestaltete Fiktion einarbeitet. Der Wunsch der Autorin, den sie in den Anmerkungen äußert, hat sich in meinem Fall erfüllt - Die Geschichte ist wahrlich wie Wasser in mein Herz geflossen.

Wer hat im Bild am Anfang einen kleinen Besucher, der durch die Straßen streift, entdeckt? :)

Kommentare:

  1. Den Besucher habe ich entdeckt, möchte mit meiner Lösung dem Bilderrätsel nicht den Reiz nehmen, verrate nur soviel, dass es sich eher um einen nicht so kleinen Besucher handelt. :) Lg Ralf

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    1. Ein richtiges Bilderrätsel ist es ja nicht. Wollte nur nicht, dass der 'Kleine' untergeht. ;)

      Liebe Grüße
      Patty

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